12.09.2007 - Antrag - Wegebenennung nach Cora Berliner

SPD-Fraktion im Rat der Landeshauptstadt Hannover
Bündnis 90/Die Grünen Fraktion im Rat der Landeshauptstadt Hannover

In den Stadtentwicklungs- und Bauausschuss
In den Gleichstellungsausschuss
In den Verwaltungsausschuss
In die Ratsversammlung
An den Stadtbezirksrat Mitte z. K.

12. September 2007

Antrag
gemäß § 34 der Geschäftsordnung des Rates

Wegebenennung nach Cora Berliner

zu beschließen:
Der geplante neue Fuß-/Radweg im neu gestalteten Operndreieck in der Nähe des Jüdischen Mahnmals (Verbindung Windmühlenstr.-Sophienstr.) wird nach Cora Berliner benannt.

Begründung:
Cora Berliner wurde 1890 in Hannover geboren. Sie engagierte sich früh im sozialen Bereich: Bereits mit 15 oder 16 Jahren wird sie freiwilliges Mitglied in der Jüdischen Bahnhofshilfe, die jüdische Flüchtlinge aus Russland während ihres Aufenthaltes auf deutschen Bahnhöfen unterstützt.

Während des Studiums beginnt Cora Berliner ihre Arbeit für die und mit der jüdischen Jugend. Sie engagiert sich im neutralen (also weder zionistischen noch antizionistischen) Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands (VJJD) und kämpft besonders darum, dass auch Mädchen Mitglieder der Jugendvereine werden dürfen, und zwar mit gleichen Rechten und ohne Einschränkungen.

1916 promoviert sie summa cum laude zum Dr. rer. pol. bei Prof. Emil Lederer in Heidelberg.

Im Dezember 1919 tritt Cora Berliner in den Staatsdienst ein. Sie wird Beamtin des Reichswirtschaftsministeriums der jungen Weimarer Republik und ist zunächst für Fragen des Verbraucherschutzes und der Genossenschaft zuständig. Als einzige Frau unter den Beamten hat sie keinen leichten Start, doch hohe Sachkenntnis und bestimmtes Auftreten machen sie bald zu einer begehrten Mitarbeiterin.

1923 wird Berliner zur Regierungsrätin ernannt, zu einer Zeit, in der die Rangstufe Regierungsrat für Frauen vermutlich noch gar nicht vorgesehen war. Sie ist nun eine der Leiterinnen im Reichswirtschaftsamt (Statistisches Reichsamt Berlin), hat verschiedene Funktionen (u. a. Inflationsbekämpfung, Beteiligung der Arbeiter an der Leitung bestimmter Unternehmen) und begegnet dabei den wichtigsten Personen der Weimarer Republik.

1933 wird Cora Berliner wie viele andere Juden aus dem Staatsdienst entlassen. Sie engagiert sich in der Reichsvertretung der deutschen Juden, einer Dachorganisation von Landesverbänden jüdischer Gemeinden. Sie fühlt sich verantwortlich für die Auswanderung, besonders von Frauen, und ihr ist es zu verdanken, dass dafür ein umfassendes Programm durchgeführt wird.

Im Sommer 1939 reist sie nach Schweden, um vierhundert Juden in Schweden unterzubringen.

Während Berliner für die ihr anvertrauten Menschen und für Freunde und Verwandte um Ausreisemöglichkeiten kämpft, lehnt sie die eigene Rettung stets mit dem Hinweis ab, sie könne nicht gehen, bevor sie nicht allen von ihr Betreuten geholfen habe.

Zuletzt wohnt Cora Berliner in Berlin-Wilmersdorf, Pariser Straße 18. Vermutlich am 22. oder 24. Juni 1942 wird sie deportiert. Über ihre weiteren Lebensstationen ist nichts bekannt. Neuere Forschungen haben ergeben, dass sie und alle mit ihr Deportierten vermutlich in Maly Trostinez bei Minsk ermordet wurden.
Auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede in Hannover steht auf dem Grab der Familie ihres Onkels Joseph Berliner auch ein Gedenkstein für Cora Berliner.

(aus FemBio Biographie Cora Berliner)

Im Jahr 2005 wurde die Regierungsrätin Dr. Cora Berliner durch die Benennung einer Straße am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte geehrt.

Laut Ratsbeschluss vom 09.12.1999 sind bei Neubenennungen nach Persönlichkeiten vorrangig Frauen vorzusehen.

Christine Kastning
Fraktionsvorsitzende

Lothar Schlieckau
Fraktionsvorsitzender