OFFENER BRIEF

Christine Kastning
 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

in den letzten Wochen sind viele Briefe und Emails bei den Mitgliedern der SPD-Ratsfraktion und mir als Fraktionsvorsitzender eingetroffen, die sich mit dem Thema der Ansiedlung des Europäischen Tierimpfschutz - Forschungszentrums der Firma Boehringer in Hannover befassen.
Zunächst möchten wir uns dafür bedanken, dass Sie sich am Diskussions- und Meinungsfindungsprozess beteiligen und Ihre Meinungen und Anregungen kundtun.
Wir haben die Emails aufmerksam gelesen und können feststellen, dass sehr viele davon wortgleich oder zumindest inhaltlich ähnlich sind. Haben Sie deshalb bitte Verständnis dafür, dass wir die Schreiben inhaltlich zusammenfassend en bloc mit einem Offenen Brief beantworten und nicht jedem Absender separat schreiben.

Die Argumente und Meinungen, die von Ihnen zumeist angeführt werden, berühren zum einen die Frage, ob die menschliche Ernährung durch Fleischprodukte an sich wirtschaftlich und ökologisch vertretbar ist. Dazu stellen wir fest, dass der überwiegende Teil der Menschheit sich zumindest gelegentlich von Fleischprodukten ernährt. Solange das so ist, muss sichergestellt werden, dass diese Produkte biologisch einwandfrei und unbedenklich sind.

Genau aus diesem Grund will die Firma Boehringer in Hannover investieren und forschen. Nutzvieh wird heute sehr häufig mit chemischen Futterbeimischungen groß gezogen, die eine Art "Rundumschutz" für die Tiere garantieren sollen. Das heißt, wie Sie sicher wissen, dass auch unnötige chemische Impfsubstanzen eingesetzt werden, die sich im Fleisch der Tiere anreichern und damit an den Menschen weitergegeben werden. Wir halten es daher für sinnvoll, wenn die Firma Boehringer Impfstoffe für einzelne Nutzviehkrankheiten entwickeln will, die gezielt eingesetzt werden können und damit eine übermäßige Anreicherung von chemischen Stoffen im Fleisch verhindert wird.

Die Emails enthielten auch Hinweise zur Ablehnung einer "Massentierhaltung", bei denen "Tiere kein Tageslicht sehen und elendig getötet werden", wie zum Teil argumentiert wird. Dazu möchten wir festhalten, dass die Unterlagen der Firma Boehringer, die den Ratsfraktionen zur Verfügung gestellt wurden, von einer anderen Konzeption ausgehen. Demnach werden Tiere in kleinen Gruppen in speziellen Boxen gehalten, die geräumig und sauber sind und über Tageslicht verfügen. Nach Ende der Versuchsreihe werden die Tiere dann schmerzlos getötet. Das entspricht den gehobenen Zertifizierungsansprüchen von Tierlaboratorien. Von einer besonderen Leidensphase der Tiere ist nicht auszugehen. Vielen Tieren wird es besser ergehen, als ihren Artgenossen in großen Nutztierhaltungen.

Der Begriff der "Massentierhaltung" wird, wie wir meinen, von den Gegnern der Ansiedlung bezogen auf das Vorhaben der Firma Boehringer bewusst und abwertend verwendet. Wer einmal Massentierhaltung bei einem Schweine- oder Viehbetrieb gesehen hat, wer einmal eine Geflügelfarm besucht hat, wird wissen, was wir damit meinen. Zum Teil ohrenbetäubender Lärm und sehr intensive Geruchsbelästigungen gehen mit solchen Einrichtungen einher. Eine solche Tierhaltung, da stimmen wir denjenigen zu, hat nichts in einem Wohngebiet zu suchen, wir bezweifeln sogar, dass sie überhaupt angemessen ist. Mit den laborähnlichen Bedingungen des von Boehringer geplanten Forschungszentrums hat das allerdings nichts zu tun, wie der Besuch in einer beliebigen Forschungseinrichtung zeigen kann.

Zum Schluss möchten wir auf die Auswirkungen auf die Umwelt eingehen. Das dem Verfahren zugrunde liegende Lärmschutz- und Emissionsgutachten sagt aus, dass es keine der Massentierhaltung üblichen Begleiterscheinungen geben wird. Stattdessen einen überschaubaren Lieferverkehr und in der ersten Ausbaustufe eine zweistellige Zahl hoch spezialisierter Arbeitsplätze. Die Nähe zur Tierärztlichen Hochschule (TiHo) wird - davon sind wir überzeugt - für beide Seiten positive Auswirkungen haben und die Schaffung von wissenschaftlich hoch attraktiven Arbeitsplätzen fördern. Das stellt eine nicht unerhebliche Verbesserung des Wissenschaftsstandorts Hannover dar.

Alles das überzeugt uns, dass die Ansiedlung der Firma Boehringer in Hannover-Kirchrode nachvollziehbar, ökonomisch sinnvoll und zukunftsweisend ist. Abschließend möchten wir festhalten, dass allein ausschlaggebend ist, ob die technische Sicherheit der Anlage gewährleistet werden kann. Denn, ist die Anlage sicher, kann sie überall gebaut werden, auch in Kirchrode. Ist sie es nicht, sollte sie nirgendwo auf der Welt gebaut werden. Auf diesen Aspekt legen wir besonderen Wert und werden unsere Entscheidung danach ausrichten.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Kastning
Fraktionsvorsitzende